TONI PALZER: FEST IM SATTEL

Spitzenathleten und Everyday-Biker auf gemeinsamer Radausfahrt. Für alle, die live dabei sind, ein Money-can’t-buy-Moment. Auch Markengründer Marcel Hirscher nützt den sonnigen Nachmittag im Lammertal für eine Ausdauereinheit mit der Community. Mitten im Pulk radelt beinahe unauffällig einer mit, der in einer eigenen Dimension fest im Sattel sitzt: Toni Palzer. Die Ikone des Skibergsteigens fuhr fünf Jahre als Radprofi in der WorldTour. Im vergangenen Winter kehrte er ins Skibergsteigen zurück. Wer die Vuelta und den Giro d’Italia in den Beinen hat, hat auch beim Community Ride locker Luft für ein spannendes Gespräch. Toni Palzer über seinen Performance-Stunt vom Münchner Marienplatz auf die Zugspitze in 4:43:46 Stunden, das Nonplusultra unter den Tourenski – und seinen großen sportlichen Traum: Olympia 2030.
Mega cool, dass so etwas stattfindet. Als Athlet und Sportler lebst du in gewisser Weise von der Community und von den Menschen, die deinen Weg verfolgen. Hier trifft man sich und kann auch einmal etwas zurückgeben. Dahinradeln, miteinander reden und einfach eine coole Zeit haben. Das Leben besteht aus Nehmen und Geben.
Logistisch ist so ein Tag gar nicht ohne. Wenn du aber einen starken Partner an der Seite hast, der das auf die Beine stellt, ist es umso schöner.
Ein Skifahrer wird im Sommer gemacht. Wer im Winter auf Ski gut sein will – egal ob beim alpinen Skifahren oder beim Skibergsteigen –, muss im Sommer etwas dafür tun. Das Lässige für uns Wintersportler ist, dass wir viele Möglichkeiten haben: Radfahren, Laufen, Bergwandern – die ganze Palette.
Der Ausdauerboom ist momentan schon gewaltig. Wenn ich am Wochenende meine Hausstrecken mit dem Rad abfahre und sehe, wie viele Menschen inzwischen Rennrad fahren, ist das beeindruckend. Da passt ein Community Ride perfekt hinein.
Ich bin durch den Radsport ein wesentlich strukturierterer und härterer Athlet geworden. Der Radsport ist mit Sicherheit eine der professionellsten Ausdauersportarten auf dem Planeten – von der Performance bis zur Ernährung. Ich habe in dieser Zeit brutal viel Know-how mitgenommen, das ich jetzt sehr gut nutzen kann.
Die Härte kommt auch daher, dass du als Berufsradfahrer bis zu 80 oder 90 Rennen im Jahr hast. Ein Radrennen kann körperlich einmal entspannter sein, mental ist es aber immer extrem stressig: die Position im Feld, die Geschwindigkeit, die gefährlichen Situationen. Bei einer dreiwöchigen Rundfahrt hast du 21 Tage Rennbelastung. Im Skibergsteigen dauern unsere längsten Etappenrennen vier Tage. Natürlich ist das eine andere und wesentlich intensivere Belastung. Aber nach 21 Tagen kommen dir vier Tage extrem kurz vor. Das verändert den Maßstab.
Du willst dein Team nicht im Stich lassen. Da hängen sieben oder acht Fahrer dran und bei jedem Rennen bis zu 30 Staff-Mitglieder, die ebenfalls vom Erfolg profitieren. Das verändert die Art, wie du mit dem eigenen Körper umgehst.
Wenn du stürzt, musst du schon wirklich verletzt sein, um vom Rad zu steigen. Mit Abschürfungen und Prellungen fährst du weiter. Nicht nur für dich selbst. Einer für alle, sozusagen.
Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wo und wann es passiert. Ein Wettkampf ist immer an ein Datum gebunden. Du bereitest dich auf den Tag X vor, aber am Ende bist du auch nur ein Mensch. Es gibt bessere und schlechtere Tage.
Bei einem Projekt definierst du ein Zeitfenster und entscheidest dann, wann es wirklich passiert. Wenn ich an diesem Morgen auf das Rad gestiegen wäre und gesagt hätte: „Heute fühle ich mich nicht gut“, dann hätten wir wahrscheinlich noch eine Woche gewartet. Wenn ich es mache, will ich es zu hundert Prozent machen.
Das Zweite ist die Greifbarkeit. Profisport ist oft extrem schwer einzuordnen. Wenn einer bei einer Etappe nach Alpe d’Huez Zehnter wird, sieht das für viele vielleicht nicht atemberaubend aus. Dabei könnte derselbe Fahrer wahrscheinlich mit einem Bein ein großes Hobbyrennen gewinnen.
München und die Zugspitze kennen die Menschen. Viele fahren von München Richtung Garmisch, wandern auf die Zugspitze oder nehmen die Seilbahn. Dadurch können sie viel besser einschätzen, was ich gemacht habe.


Das war definitiv das Ziel meines Sommers. Da ist viel Training eingeflossen, und ich habe es wie einen wichtigen Wettkampf gesehen. Es hatte vorher noch niemand gemacht. Wenn ich fünfeinhalb Stunden gebraucht hätte, hätten wahrscheinlich auch viele gesagt: Das ist schnell.
Aber am Ende geht es um meinen eigenen Anspruch. Ich wollte oben stehen und sagen können: Heute habe ich meinen Tank komplett leer gemacht. In meinem aktuellen Fitnesszustand hätte ich es nicht schneller geschafft. Als Sportler sucht man solche Glücksmomente. Ich hole mir sehr viel davon im Training, weil mir der Wettkampf allein zu wenig wäre.
Nein. Im Sommer setze ich keinen Leistungspeak. Der Ötztaler und der Dolomitenmann sind starke Trainingsziele – beim Mountainbiken muss ich mir sogar noch einige Skills aneignen. Mein Performance-Ziel bleibt aber der Winter, auch mit Blick auf Olympia. Im Sommer schaffe ich die Basis dafür. Das ganze Jahr am Peak zu sein, ist ohnehin unmöglich.
Ich habe mir gedacht: Das ist etwas ganz Spezielles, was ich gerade am Schuh habe. Ich fahre seit über 20 Jahren leichte Rennski, aber ich hatte noch nie einen Ski, der so leicht ist und gleichzeitig so gute Abfahrtsqualitäten hat.
Einen leichten Ski können viele bauen. Der Unterschied ist, ob der leichte Ski auch gut zu fahren ist. Meine Kombination aus Aufstieg und Abfahrt hat meine besten Ergebnisse geprägt. Wenn ich in der Abfahrt so gutes Material habe, ist das genau das, was ein Skibergsteiger wie ich braucht. Bei einem Rennen wie der Pierra Menta muss man in vier Tagen 10.000 Höhenmeter hinauflaufen – und auch 10.000 Höhenmeter wieder hinunterfahren. Ein guter Ski macht dabei einen riesigen Unterschied.
Weil er in der Abfahrt einfach so gut zu fahren ist. Dass alles superleicht sein muss, ist ein alter Gedanke. Das kann man mit dem Radsport vergleichen: Ein Laufradsatz kann 200 Gramm leichter sein. Trotzdem fährt man den aerodynamisch besseren, weil die Aerodynamik wichtiger ist als die Gewichtsersparnis – unabhängig davon, wie viele Höhenmeter eine Etappe hat.
Beim Skibergsteigen ist es ähnlich. Es ist völlig egal, ob der Ski 20 oder 30 Gramm mehr wiegt, wenn ich eine saubere Gehbewegung habe. Der Ski muss am Schnee bleiben. Deswegen habe ich Felle und keine Steigeisen darunter. Ich nehme lieber ein paar Gramm mehr und bekomme dafür Qualität in der Abfahrt. Dabei geht es nicht nur um das Fahrgefühl, sondern auch darum, wie locker ich auf dem Ski stehen und wie viel Kraft ich sparen kann.
Der Ski muss leicht sein, damit man gern auf Tour geht. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man ein oder zwei Kilo am Fuß hat. Gleichzeitig muss die Abfahrtsqualität stimmen.
Viele Menschen haben Respekt vor der Abfahrt – besonders, wenn sie nicht die besten Skifahrer sind oder erst später mit dem Skifahren begonnen haben. Ihnen sollte das Material diese Angst nehmen: mit einem leichten Ski für den Aufstieg und trotzdem sehr guter Abfahrtsperformance.
Ja, Olympia 2030 ist für mich ein echtes Ziel. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, das ist kein Geheimnis. Bei mir tickt auch die biologische Uhr. Die Sportler werden immer jünger, und ich muss mehr investieren, um mein Niveau zu halten oder idealerweise noch etwas aufzubauen.
Ich bin aber ein kompletter Realist. Ich sehe die Chance, in vier Jahren im Skibergsteigen konkurrenzfähig bei Olympia am Start zu stehen.
Weil ich dort nicht mehr der nächste Superstar geworden wäre. Ich hätte weiterhin Helferdienste machen können, aber das wollte ich nicht mehr. Im Skibergsteigen sehe ich dagegen realistisch die Möglichkeit, auch 2030 noch konkurrenzfähig zu sein.
Vielleicht in gewisser Weise auch der Kuchen am Nachmittag. Aber grundsätzlich braucht es ein größeres Ziel, das einen antreibt. Für einen Sportler – und eigentlich für jeden Menschen – ist es wichtig, mit einem Ziel vor Augen durchs Leben zu gehen.
Irgendwann werden sich auch bei mir die Prioritäten in Richtung Familie und Kinder verschieben. Darauf freue ich mich. Aber solange ich konkurrenzfähig bin und Spaß daran habe, möchte ich das Sportlerdasein noch komplett leben. Es geht immer weiter. Es muss weitergehen.


